Warum schreiben Sie?

Das ist eine von diesen Fragen, die schwer zu beantworten sind. Vielleicht um Dinge, Eindrücke, Stimmungen im geschriebenen Wort festzuhalten und sie so zu bewahren. Vielleicht auch: Während meines Studiums habe ich einmal eine Seminararbeit über Psalm 104 geschrieben. In diesem Psalm geht es um Schöpfung. Eine mögliche Interpretation ist – und diese hat mir sehr zugesagt –, dass der Psalmist die bedrohte Welt durch seine Worte neu schaffen wollte. Also durch das Schreiben kann ich mir meine eigene Welt schaffen und, das gilt vor allem für die Kriminalromane, eine verletzte Ordnung bis zu einem gewissen Grad wiederherstellen.

Wie kommt eine, die Theologie studiert hat, dazu Kriminalromane zu schreiben?

Nun ja, der Mord von Kain an Abel ist einer der ersten Morde der Weltliteratur. Das Alte Testament enthält viele Elemente, die einen guten Kriminalroman ausmachen: Gewalt, Sühne, Vergeltung und Wiedergutmachung, Liebe, Eifersucht, Verrat und Intrige. Es besitzt viel Spannung und Dramatik. Manche der alttestamentarischen Bücher sind außerdem sprachlich sehr schön. Unter diesen Aspekten fand ich es immer entschieden anregender als das Neue Testament.

Wie finden Sie Ihre Ideen?

Das ist ganz unterschiedlich. Ein „Ideenkeim“ zu der „Buchmalerin“ kam mir während eines Stadtrundganges des Kölner Frauengeschichtsvereins durch die Südstadt – ich wohnte damals noch nicht lange in Köln und wollte mehr über die Stadt erfahren. Dieser Rundgang führte an einem ehemaligen Beginenhof vorbei. Ich hatte zwar katholische Theologie studiert, Beginen waren mir aber während dieses Studiums nicht untergekommen. Ich fand das spannend. Frauen, die im Mittelalter ein religiöses Leben führten, ohne in die strenge Form eines Ordens eingebunden zu sein und die deshalb auch bald mit der Kirche in Konflikt gerieten. Dieser „Ideenkeim“ traf mit meinem Interesse an Malerei zusammen. So wurde die Heldin des Romans, Donata, eine Buchmalerin, die Zuflucht bei Kölner Beginen findet. Bei „Der Stern der Theophanu“ entstand der erste „Ideenkeim“ durch einen Artikel in der ZEIT. Ich glaube, er erschien anlässlich ihres 1000. Todesjahres. Ich fand es beeindruckend, dass sie nach dem Tod ihres Mannes Ottos II. für sich in Anspruch nahm, Urkunden mit „Theophanu Imperator“ zu unterschreiben.

Recherchieren Sie vor Ort?

Teils, teils. Die „Buchmalerin“ spielt in Köln, dort wohnte ich ja zu der Zeit, als ich an dem Roman schrieb. Für den „Stern der Theophanu“ war ich u.a. in Magdeburg, Quedlinburg, am Bodensee , in St. Gallen und Rom. Nach Ravenna bin ich aber beispielsweise nicht extra gefahren. In Rom habe ich den Sarkophag Ottos II. in einer der Grüfte des Petersdoms gesehen, ein Wärter war so nett, den Bauzaun kurz für mich zu öffnen. Für die „Schwertkämpferin“ bin ich nach Sizilien gereist und habe etwa den Dom von Monreale und die Festung Friedrichs II. in Syracusa besichtigt. Der Kreuzgang des Doms und der Weg über die Dächer haben mich zu einigen wichtigen Szenen inspiriert. Für „Am Hofe der Löwin“ war ich u.a. in Winchester und in Oxford. Wobei bei vielen Gebäuden und Orten des frühen und des Hoch-Mittelalters das Problem besteht, dass sich bis in unsere Zeit nicht sehr viel an Bausubstanz erhalten hat. Die „Buchmalerin“ spielt im Jahr 1235 – damals stand in Köln noch der alte Dom aus der karolingischen Epoche. Winchester ist, das beschreibe ich auch in „Am Hofe der Löwin“, während des Bürgerkrieges zwischen Matilda und Stephen, weit gehend niedergebrannt. Trotzdem ist es mir wichtig, auch „vor Ort“ zu sein, um ein Gespür für die Landschaft und die Atmosphäre eines Platzes zu erhalten.

Ihre Romane spielen in unterschiedlichen Zeiten und haben unterschiedliche Themen – gibt es einen roten Faden, der all Ihre Bücher verbindet?

Ja, den gibt es. Der „Heilige in deiner Mitte“ spielt an einer katholischen Hochschule. Auch für das Mittelalter waren die Kirche und die Theologie sehr prägend. Die Römer waren in religiösen Fragen erfreulich pragmatisch. Aber in der „Geschmack der Tollkirsche“ spielen, wie auch in der „Buchmalerin“, der „Schwertkämpferin“ und „Am Hofe der Löwin“ Heilpflanzen und heilkundige Frauen eine wichtige Rolle. Meine Heldinnen und Helden sind – vielleicht abgesehen von Jakoba Strykowski aus „Der Heilige in deiner Mitte“ – „beschädigte“ Menschen. Donata etwa, die Heldin aus der Buchmalerin“ hat durch eine, um es in heutigen Worten zu sagen, traumatische Erfahrung ihre Gabe zu malen verloren. Theophanu sieht als junges Mädchen die geschändete Leiche des Kaisers in einem Hof des byzantinischen Palastes liegen. Aline, die Heldin aus „Am Hofe der Löwin“ hat innerhalb kurzer Zeit ihre Eltern und ihren kleinen Bruder verloren und wird in die Leibeigenschaft gezwungen.

Was inspiriert Sie?

Farben, Stoffe, alte Gebäude, Gärten. Kochbücher. Oxford und London. Britische Fernsehserien auf DVD wie „Life on Mars“, „New Tricks“, „Lark Rise to Candleford“ oder „Upstairs – Downstairs“, um nur einige zu nennen. Durch Straßen gehen und mich umsehen. Im Frühjahr 2006 habe ich sieben Wochen lang in Bristol gelebt. Nicht weit von meinem Apartement entdeckte ich ein Haus mit einer „Plaque of Honour“ für eine Frau namens „Annie Kennye“, die als Suffragette für das Frauenwahlrecht gekämpft hatte. Das inspirierte mich für einen – noch zu schreibenden – Kriminalroman, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien spielen wird.

Haben Sie Lieblingsautorinnen und -autoren?

In den letzten Jahren haben mich besonders beeindruckt, amüsiert und/oder mir Freude bereitet: „On the beach“ von Ian McEwan, „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett, die ersten beiden Romane um die Detektivin Evadne Mount von Gilbert Adair, Michael Cunninghams „Die Stunden“, Margaret Forsters „Keeping the world away“, „Millionen“ von Frank Cottrell Boyce und „How I live now“ von Meg Rosoff. Außerdem liebe ich die Kriminalromane von Phil Rickman mit seiner Heldin Merrily Watkins, einer sehr sympathischen und unkonventionellen anglikanischen Geistlichen und Beraterin für „spirituelle Grenzfragen“.

Tauschen Sie sich mit anderen Leuten über Ihre Projekte aus?

Wichtig ist mir der Austausch mit meinem Partner Hartmut Löschcke, der Buchhändler ist und schon von Berufs wegen viel und gern liest. Außerdem mit Kolleginnen aus dem Netzwerk der „Mörderischen Schwestern“, in dem ich Mitglied bin und von denen ich hier namentlich Mila Lippke und Gisa Klönne nennen möchte. Dabei geht es manchmal um konkrete Fragen zum Plot oder zu Charakteren. Aber auch darum, wie die Zusammenarbeit mit einem Verlag gerade so läuft oder wie sich die Arbeit an einem Roman entspannter gestalten lässt.

Was sind Ihre neuen Projekte?

Das nächste Projekt wird eine Zeitreise-Geschichte sein. Ich habe wieder einmal Lust, ein bisschen schräg zu erzählen, wie in „Der Heilige in deiner Mitte“. Das übernächste Projekt wird eine Gegenwarts-Geschichte sein, die in Oxford spielt, ebenfalls etwas schräg erzählt, und das überübernächste jene Kriminalgeschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien spielt. Dafür muss ich aber noch einiges recherchieren.

Warum ausgerechnet Großbritannien?

Ich bin ein Fan von britischen Landhäusern, Parks, Büchern, Filmen und dem Afternoon Tea. Ich habe immer das Gefühl, dass die Zeiten „durchlässiger“ sind als hierzulande. Als ich 2006 einige Wochen lang in Bristol lebte, habe ich auch zweimal die wunderbare Kathedrale in Wells besucht. Als ich die ausgetretenen Stufen zu dem Kapitelsaal hochgestiegen bin, hätte es mich nicht gewundert, wenn mir mittelalterliche Menschen entgegen gekommen wären. Es gibt auch in Deutschland Orte, die ich sehr mag. Aber dieses Gefühl einer sehr nahen Vergangenheit, oder dass Landschaften, alte Häuser und Plätze ein Geheimnis haben, habe ich hier nie. Außerdem liebe ich britische Eigenarten wie, fiktiven Personen eine Realität zuzugestehen. Wer würde in Deutschland schon auf die Idee kommen – auch wenn diese Figuren der deutschen Literatur entstammten –, zu Sherlock Holmes´ musikalischen Vorlieben ein Symposium zu veranstalten oder zu Lord Peter Wimseys Goldener Hochzeit eine Gratulations-Anzeige in der TIMES zu schalten?

Wie schreiben Sie?

Anfangs mit der Hand. Ich notiere mir Ideen zum Plot und zu den Personen, Eindrücke vor Ort sowie kurze Exzerpte aus Büchern auf kleinen Zetteln oder Karteikarten. Diese sammle ich in einer Schale, die auf meinem Schreibtisch steht. Irgendwann fange ich dann an, diese kleinen Zettel zusammen mit Zeitungsartikeln, die ich mir zu einem Thema aufgehoben habe, Postkarten und Fotos in große Alben zu kleben. Ich brauche diese Visualisierung und das „Manuelle“ des Schreibens mit der Hand. Mit der Hand schreibe ich auch unkontrollierter als mit dem Computer und lasse die Ideen mehr fließen, was für mich ebenfalls in einem frühen Stadium einer Geschichte nötig ist. Wenn für mich eine Geschichte gedanklich weit gehend steht – das kann ein paar Monate oder ein paar Jahre dauern, schreibe ich dann ein erstes Exposé mit dem Computer.

Hat Sie in der letzten Zeit jemand besonders beeindruckt?

Vor etwa einem Jahr habe ich in einer Gartenzeitschrift ein Interview mit Gabriella Pape gelesen, die die „Königliche Gartenakademie“ in Berlin-Dahlem gegründet hat. Sie arbeitete, wenn ich das richtig im Kopf habe, viele Jahre als Gartenarchitektin in Großbritannien. Für ihr Projekt der Gartenakademie wollten ihr die Banken kein Geld geben, da sie glaubten, sie könne damit kein Geld verdienen. Daraufhin beschloss Gabriella Pape, in Deutschland sehr bekannt zu werden. Ihr Plan: Sie müsse bei der Chelsea Flower Show – das ist eine Art Oscar-Verleihung für Gärten – eine Medaille bekommen. Denn dann würde die Queen ihren Garten besuchen und die deutschen Zeitungen würden darüber berichten. Ihr Plan ging auf. Sie gewann eine Silbermedaille, die Queen kam, die deutschen Zeitungen schrieben darüber und die Banken gaben das Geld. Das ist, wie ich finde, eine sehr erstrebenswerte, heiter-zuversichtliche Lebenseinstellung.