Auf Alines Spuren


Im Hof der Burg von Oxford flanieren die Touristen. Ein junger Mann in historischer Tracht ruft eine Gruppe zu einer Führung zusammen. In dem Glas verschalten Anbau in seinem Rücken befindet sich der Souvenir-Laden. Aber trotz des sommerlichen Rummels und den modernen Umbauten vermittelt die Burg noch immer etwas vom Herrscher- und Machtwillen ihrer Erbauer. Besonders deutlich wird dies an dem – ja, ich finde, hier passt das Adjektiv wirklich – trutzigen Georges-Tower. Auf einer Plakette, die in den Boden eingelassen ist, steht: "1142 - King Stephen attacks - Empress Matilda escapes from St. George´s Tower". Ich gehe ein Stück zur Seite, schließe kurz die Augen und stelle mir vor, wie Aline und Matilda ängstlich in diesem Turm saßen, während die Rammböcke von Stephens Heer gegen die Burgmauern donnerten.

Weitaus ruhiger und friedlicher geht es am Ufer der Themse zu. Zwei Frauen gleiten in einem Boot durch das Wasser. Ein Stück weiter schwimmt ein Schwan mit seinen Jungen unter tief hängenden Ästen hindurch. Eine Szene, an der sich seit Alines Tagen nichts verändert hat: Auch sie hätte beim Wäschewaschen oder Pferdetränken Schwäne und Enten beobachten können.


Der Spaziergang führt mich weiter zum Botanischen Garten. Beete voller üppiger Kräuter, Blumen und exotischer Pflanzen reihen sich aneinander. Nicht wenige der Pflanzen wurden erst in der Neuzeit nach Großbritannien gebracht. Doch Holunder, Haselnüsse und blaue Glockenblumen gab es hier z.B. auch schon im Mittelalter. Auf der Übersichts-Karte des Botanischen Gartens ist vermerkt, dass „Elderberry“ (Holunder) seit Jahrhunderten verwendet wird, um Erkältungen zu behandeln. Sicher ein Mittel, das auch Aline häufig angewendet hätte.

Einige Tage später fahre ich mit der Bahn nach Winchester. Vor zwei Jahren, als ich zur Recherche schon einmal hier war, war das Wetter sommerlich heiß. An diesem Vormittag bestätigt das Wetter alle Vorurteile gegenüber dem britischen Klima: Es regnet in Strömen. Vor dem grauen Himmel wirkt die Kathedrale mit ihrem eckigen, wuchtigen Turm fast wie eine Burg. Auch in ihr spiegelt sich der Machtanspruch von Matildas Sippe. Der Grundstein zur Kathedrale wurde im Jahr 1079 gelegt, während der Regierungszeit von Wilhelm dem Eroberer.

Das Wasser des Itchen am Ende der High Street ist reißend. Doch trotz des Regens ist seine charakteristische grüne Farbe zu erkennen – sie rührt vom Kalkboden des Flussbetts her. Im kleinen Garten der „Mill“ die dem National Trust gehört, stehen Kräuter und Blumen auf einem Ständer. Aline hätte diesen hübschen Ort bestimmt gemocht.

 

Ich schlendere zurück zur Kathedrale. Der Regen lässt nun ein bisschen nach. In der Kathedrale proben gerade ein Orchester und ein Chor. Begleitet von den Klängen wandere ich langsam durch das Kirchenschiff. Plötzlich kommt die Sonne zwischen den Wolken hervor und durchflutet die riesige Kirche mit ihrem Licht. Ich verweile noch ein wenig im Schiff, dann steige ich die Treppe zur Bibliothek hinauf. In einer Glasvitrine liegt die berühmte Winchester-Bibel aufgeschlagen. (Fotografieren ist leider, aber verständlicherweise nicht erlaubt.) Stephens Bruder Henry hat sie in Auftrag gegeben. Die Bilder auf den Buchseiten sind über 800 Jahre alt und doch wirken sie, als seien sie erst vor kurzem gemalt worden. So leuchtend und intensiv sind die Farben. Vor allem auch das Blau ist wunderschön. Mit dem Gedanken, dass Aline von diesen Bildern fasziniert und beglückt gewesen wäre, verlasse ich schließlich den Raum.