Eine Frage des Geschmacks

Am 1. Mai 2011 war ich mit einer Freundin in Seligenstadt – eine kleine Stadt, die etwa 20 km von meinem Geburtsort Aschaffenburg entfernt am Main liegt. Das Wetter war sonnig und warm und wir frühstückten auf der Terrasse des Cafés in der ehemaligen Benediktiner-Abtei, von wo aus wir den wunderschönen früheren Klostergarten im Blick hatten. Ich fand es einen sehr netten Zufall, dass ich in diesem Garten viele Elemente eines „Walled Victorian Kitchen Gardens“ – also eines ummauerten Viktorianischen Küchengartens – entdecken konnte. Kurz vorher, über die Ostertage, hatte ich mir nämlich begeistert eine BBC-Dokumentation aus den 1980er Jahren zu diesem Thema angesehen.

Gartenfoto

Auch in dem Seligenstädter Garten gab es Spalierobst, das an den Wärme speichernden Mauern hoch gezogen wurde. In einer Ecke standen Bienenkörbe und -häuser, denn die Insekten sollten helfen, die Pflanzen möglichst gut zu befruchten, und Blumen waren zwischen das Gemüse gepflanzt. Vieles davon alte Sorten. Zu der BBC-Dokumentation gehörte auch eine Reihe über „The Victorian Kitchen“. Darin verarbeitete eine Köchin, die in ihrer Jugend in den 1920/30er Jahren noch viele „rustikale“ Zubereitungsmethoden kennen gelernt hatte, alte Gemüsesorten aus dem ummauerten Küchengarten unter gewissermaßen „viktorianischen“ Bedingungen. Beispielsweise kochte sie auf einem mit Holz und Kohle befeuerten Herd.

Gartenfoto

Arria, die Heldin in meinem Roman „Der Geschmack der Tollkirsche“, ist eine römische Köchin. Während ich das Buch schrieb, habe ich einige Gerichte nach römischen Rezepten gekocht. Dabei habe ich mich oft gefragt, wie mögen diese Speisen im 1. Jahrhundert wohl geschmeckt haben? Zubereitet aus alten Gemüse- und Getreidesorten, in Ton- oder Bronzetöpfen, die auf Dreifüßen in der Glut des Herdes standen, und umweht von den dichten Rauchschwaden, die eine römische Küche füllten? Diese Frage hat mich auch in meinem neuesten Roman „Am Hofe der Löwin“ wieder beschäftigt. Wie mögen die Speisen im Mittelalter, die ja so ganz anders als unsere heutigen zubereitet wurden, geschmeckt haben? Wie mag das Licht in einem von Kerzen erhellten Raum gewirkt haben? Wie hat es sich wohl angefühlt, in einem Zimmer zu sitzen, das von den glühenden Kohlen in einem Bronzebecken spärlich beheizt wurde? Wie mag es damals in einer Burg gerochen haben? Antworten auf diese Fragen zu finden, hat mir viel Freude bereitet, und ich hoffe, Sie haben ebenso viel Freude dabei, mit zu verfolgen, wie sich Aline, die Heldin dieses Buches, in ihrer Welt bewegt und wie sie sich ihrem Schicksal stellt.